GLITCH

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Mit ihrer kühnen Farbigkeit verkündet die neue Bilderserie von Vanja Vukovic vibrierende Präsenz. Abstrakte Flächen und Streifen überziehen die Fotografien. Nur wenige Stellen sind als Wiedergabe der Wirklichkeit erkennbar. Hier sind Personen mit erhobenen Fäusten, behelmte Polizisten in grüner Kampfuniform, Menschen mit bunten Perücken und Transparente zu erkennen. Einmal ist das Wort „Demokratie“ zu lesen, an anderer Stelle der Schriftzug einer linken Partei. Schilder mit der Aufschrift IWF und EZB vor einem Stern des Hörlschen Euro-Monuments, selbst inzwischen ein Symbol der Schuldenkrise der EU und der Ausschweifungen des Kapitalismus, weisen auf Zeit und Ort der Entstehung der Fotografien. Vanja Vukovic verdeckt einen großen Teil des Sichtbaren durch die bewusste Setzung von Störungen, die wie Datenfehler bei digitalen Film- und Fernsehübertragungen aussehen. Die Künstlerin erreicht damit, dass aus der Momentaufnahme ihrer Fotografie ein Bild wird, das einen großen Teil der Wirklichkeit verbirgt und dabei erscheint wie die Pixelfehler eines Filmstills, die sich im nächsten Moment wieder auflösen werden, wie wir es von temporären Bildstörungen gewohnt sind. Wenn Vukovic davon spricht, dass sie diese computergenerierten Bilder als „Fehler im System“ ansieht, was bezweckt sie dann mit diesen Bildstörungen? Wird hier eine Art künstlerische Zensur am Foto ausgeübt? Sind sie ein Mittel, um die Lebendigkeit und Dynamik der Occupy-Bewegung mitsamt den Blockupy-Demonstrationen einzufangen, jenen Protesten in Frankfurt, während denen die Polizeikräfte im Frühsommer 2013 unverhältnismäßig reagierten? Spielt die Künstlerin gar auf die vielen Kanäle an, wie Staat, Presse, Social Media oder analoge Kommunikation, die jeweils nur einen Ausschnitt der Wirklichkeit vermittelten – und nie die „ganze Wahrheit“?

Die nur 10 x 18 cm großen Fotoobjekte erinnern nichtsdestotrotz auch an künstlerische, quasi-ikonoklastische Prozesse wie z.B. an den dänischen Künstler Peter Bonde (* 1958), der mit großer, roher Geste ebenfalls Fotografien übermalt, dies allerdings in weitaus größeren Dimensionen. Aber auch digitale Verformungsprozesse, die unter dem Stichwort „Glitch Art“ die zufällig entstandene oder auch bewusst gesetzte Pixelstörung feiern, sind Vukovic‘ gezielter Bildbearbeitung nahe, weil sie dem digitalen Defekt ästhetische Qualitäten verleihen.

 

 

© Isa Bickmann, Frankfurt am Main

 

Bold colourfulness announces the vibrating presence of the new series of pictures by Vanja Vukovic. Abstract areas and stripes cover the photos. Only few spots are discernible as reproductions of reality. Individuals with raised fists, helmeted policemen in green combat uniform, people with colourful wigs and banners can be distinguished here. Once we read the word “democracy”, elsewhere the name of a left-wing party. Signs with the inscriptions IWF and EZB in front of the star of Hörl’s monument to the Euro, by now in itself a symbol of the EU’s debt crisis and the excesses of capitalism, allude to the time and place of capture of the photographs. Vanja Vukovic conceals a large part of the visible area by deliberately placing disturbances that look like data errors during digital cinema and television broadcasts. The artist thus achieves to turn her photographic snapshot into a picture that hides a large part of reality, appearing like defective pixels in a film still that will disappear again a moment later, as we are used to from temporary image disturbances. When Vukovic states that she regards these computer-generated images as “faults of the system”, what does she thus aim to achieve with those picture disturbances? Is this a form of artistic censorship of the photos? Are they a means of capturing the vitality and the dynamics of the Occupy movement including the Blockupy demonstrations, the protests in Frankfurt in the early summer of 2013 where the reactions of the police forces were out of proportion? Does the artist even allude to the many channels like the state, press, social media, or analogue communication, each of which only conveys a detail of reality – and never “the whole truth”?

Either way, the photographic objects that only measure 10 x 18 cm also remind of artistic, quasi-iconoclastic processes, like e.g. those of the Danish artist Peter Bonde (*1958), who uses large, rough gestures to paint over photographs as well, though their dimensions are far greater. Moreover, digital distortion processes that celebrate accidental and intentional pixel disturbance  under the heading “Glitch Art” are also akin to Vukovic’s purposeful image editing, since they add aesthetic qualities to a digital fault.

 

© Isa Bickmann, Frankfurt am Main